Der Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction (SIGAR) legte am 30. April dem Kongress einen Bericht vor, der ein deutliches Bild der sicherheitspolitischen Folgen des US‑Rückzugs aus Afghanistan im Jahr 2021 zeichnet. Das Dokument verbindet den jüngsten Einnahmenanstieg der Taliban mit einer wachsenden Fähigkeit, nicht nur ihre eigenen Kämpfer, sondern auch zahlreiche Terrorgruppen in der Region zu bewaffnen.
Einnahmenwachstum und Waffenübertragungen
Laut SIGAR sind die Einnahmen der Taliban stark gestiegen, was Analysten veranlasst, zu warnen, dass der Einfluss der Gruppe zunimmt und das Risiko einer Eskalation terroristischer Aktivitäten jetzt höher sei als zuvor. Der Bericht beschreibt zudem, wie ein Großteil der von den USA an die afghanische Armee gelieferten Waffen umgeleitet wurde. Von den über 18,6 Milliarden Dollar an Ausrüstung, die im Laufe der Jahre übergeben wurden, befinden sich Waffen im Wert von 7,12 Milliarden Dollar noch in den Händen der Taliban. Diese Waffen wurden an terroristische Verbündete weitergegeben und sind in einigen Fällen auf dem Schwarzmarkt gelandet.
Die Einschätzung des Pentagon bestätigt, dass die zurückbehaltenen Waffen es den Taliban ermöglichen, ihre eigenen Reihen auszurüsten und andere extremistische Organisationen zu versorgen. SIGAR identifizierte mehr als zwei Dutzend terroristischer Gruppen, die in Afghanistan aktiv sind, insbesondere die dem Islamischen Staat angeschlossene Provinz Khorasan (ISIS‑K) und Tehreek‑e‑Taliban Pakistan (TTP).
US‑Hilfsprogramme unter Beobachtung
In den Monaten nach der Machtübernahme durch die Taliban versprach die Biden‑Administration fast 4 Milliarden Dollar an Unterstützung. Diese Mittel wurden später gekürzt: Die United States Agency for International Development (USAID) wurde aufgelöst und mehrere Programme eingefroren, weil befürchtet wurde, dass die Taliban das Geld beeinträchtigen und missbrauchen.
Das Außenministerium kürzte zudem sein Budget für Programme in Afghanistan und beendete die Finanzierung von allen bis auf zwei der 24 Initiativen, die es betrieben hatte. Die Einsparungen sollen bis Ende 2025 den US‑Steuerzahlern mehr als 1 Milliarde Dollar einbringen.
Trotz erheblicher US‑Investitionen in die Bildung von Mädchen verbietet die Taliban weiterhin den meisten Mädchen den Schulbesuch und schränkt Frauen in vielen Beschäftigungsformen ein. Der SIGAR‑Bericht stellt fest, dass amerikanische Hilfspartner vor Ort der Taliban mindestens 10,9 Millionen Dollar an verschiedenen Gebühren gezahlt haben, was die Notwendigkeit einer strengeren Aufsicht unterstreicht.
Folgen für Politik und Sicherheit
Die Ergebnisse haben weitreichende Folgen für die US‑Politik in Afghanistan und der weiteren Region. SIGAR empfiehlt einen nachhaltigeren Ansatz, der diplomatische, wirtschaftliche und militärische Instrumente kombiniert und die regionalen Partner stärker einbindet. Es wird betont, dass künftige Hilfe rechenschaftspflichtig sein und keine terroristischen Gruppen unbeabsichtigt stärken darf.
Analysten beurteilen die Lage als „komplex und herausfordernd" und sehen das Potenzial, sowohl die regionale als auch die globale Sicherheit zu beeinträchtigen. Eine kontinuierliche Beobachtung und koordinierte Maßnahmen mit Verbündeten werden als unerlässlich beschrieben, um die Ursachen von Terrorismus und Instabilität anzugehen.
Historischer Kontext
Die Vereinigten Staaten engagierten sich erstmals in den 1980er‑Jahren im afghanischen Krieg gegen die Sowjetunion, indem sie die Mudschaheddin, die gegen die sowjetische Besatzung kämpften, unterstützten. Nach dem Abzug der Sowjets ließ das US‑Engagement nach, was den Aufstieg der Taliban zum Machtzentrum ermöglichte.
Die Anschläge vom 11. September 2001 lösten eine neue US‑Militärintervention aus, die darauf abzielte, al Qaeda und ihre Taliban‑Verbündeten zu besiegen. Frühe Erfolge wurden von einer hartnäckigen Aufstandsbewegung gefolgt, und ein Aufstockungsprogramm 2009‑10 stabilisierte vorübergehend Teile des Landes. Dennoch behielten die Taliban eine bedeutende Präsenz, und der Rückzug 2021 hinterließ ein Machtvakuum, das die Gruppe rasch füllte.
Für Leser in den Vereinigten Staaten und Kanada verdeutlicht der Bericht, dass die wachsende Finanzbasis der Taliban und ihr Zugang zu hochentwickelten Waffen eine konkrete Bedrohung für die regionale Stabilität und die Sicherheit amerikanischer sowie verbündeter Interessen im Ausland darstellen.
Die Ergebnisse wurden erstmals vom Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction (SIGAR) in seiner Briefing‑Sitzung am 30. April vor dem Kongress veröffentlicht.
