Die Kontroverse um die Richtlinien von New‑York‑Times‑Reporterin Jodi Kantor zur Klassifizierung einer #MeToo‑Beschuldigung hat sich verschärft, nachdem der demokratische Kandidat für den US‑Senat in Maine, Graham Platner, beschuldigt wurde, seine frühere Partnerin vergewaltigt zu haben.
Was Kantors Kriterien beinhalten
Kantor erklärte, ein typischer #MeToo‑Fall involviere einen mächtigen ‚Chef', der einer jüngeren weiblichen Angestellten sexuelle Avancen mache, und die Beschuldigung nicht als einvernehmliche Beziehung dargestellt werde. Sie nutzte dieses Schema, um zu entscheiden, ob eine Anschuldigung das #MeToo‑Label verdient.
Platner‑Fall passt nicht ins Schema, argumentiert sie
Platner, der für den Senat kandidiert, wurde von Jenny Racicot glaubwürdig des Vergewaltigungs beschuldigt. Racicot, eine 41‑jährige Demokratin, beschrieb ihre Beziehung zu Platner als „auf‑und‑ab‑Beziehung", die zwei Jahre vor dem mutmaßlichen Vorfall andauerte. Sie zögerte zunächst, öffentlich zu werden, weil sie einen „großen moralischen Konflikt" zwischen der Unterstützung von Platterns Politik und der Ablehnung seiner Person spürte.
Kantor kam zu dem Schluss, dass die Vorwürfe gegen Platner nicht ihren #MeToo‑Kriterien entsprechen, ein Urteil, das von Beobachtern kritisiert wird, die eine Doppelmoral gegenüber demokratischen gegenüber republikanischen Politikern sehen.
Frühere Berichterstattung über Platterns Verhalten
Kantor berichtete zuvor über Platrons beunruhigendes Verhalten gegenüber ehemaligen Partnerinnen, darunter körperliche Missbrauchsvorwürfe einer weiteren Ex‑Freundin, Lyndsey Fifield. Sie spielte diese Vorwürfe herunter und erklärte, sie erfüllten nicht ihre #MeToo‑Definition.
Times‑Berichterstattung in Frage gestellt
Die New‑York‑Times berichteten erstmals im Frühjahr über Racicots Vorwürfe, als sie der Zeitung „unter Vorbehalt" sprach, berichtet Politico. Ein späterer Times‑Artikel über Platrons Verhalten gegenüber ehemaligen Liebhaberinnen ließ jedoch Racicots Vergewaltigungsvorwurf weg, was Kritiker dazu veranlasste, die Zeitung der selektiven Berichterstattung zu beschuldigen.
Kolumnist Charles Blow schien Kantors Vorgehen zu unterstützen, indem er die Anschuldigung als etwas bezeichnete, das „schrecklich klingt" und weiter untersucht werden sollte. Das hat Vorwürfe genährt, dass die Times eher Anschuldigungen gegen Republikaner als gegen Demokraten verfolgen wolle.
Breitere Debatte über #MeToo und Parteilichkeit
Die #MeToo‑Bewegung, die als hashtag‑gesteuerte Social‑Kampagne begann und öffentliche Enthüllungen sexuellen Fehlverhaltens in den Fokus rückte, wurde dafür gelobt, hochkarätige Täter aufzudecken und neue Gesetze sowie Richtlinien anzustoßen. Gleichzeitig wurde sie für eine vermeintliche Parteilichkeit und für mangelnde Nuancierung bei der Unterscheidung verschiedener Vorwurfstypen kritisiert.
In den USA hat die Bewegung die Reaktion von Politikern und Medien auf Anschuldigungen neu gestaltet und zu einer größeren Bereitschaft geführt, Opfern zuzuhören. Die Platron‑Episode unterstreicht Forderungen nach einem ausgewogeneren, fall‑by‑Fall‑Ansatz statt der starren Anwendung festgelegter Kriterien.
Fazit
Kantors Einschätzung, dass die mutmaßliche Vergewaltigung von Jenny Racicot nicht als #MeToo‑Fall gilt, hat eine breitere Diskussion über Medienbias und die Notwendigkeit einer nuancierten Berichterstattung über Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens ausgelöst.
