Im Zuge des 25. Jahrestages der Anschläge vom 11. September veröffentlichte der ehemalige Armeerechtsanwalt und Irak‑Kriegsveteran Michael Lebowitz das Buch *Second Wave: Inside Al Qaeda's Post‑9/11 Attack Plan and America's Secret Effort to Stop It*, das detailliert darlegt, dass die USA erst nach den Anschlägen, bei denen fast 3 000 Menschen starben, von einer bescheidenen strafrechtlichen Reaktion zu einer umfassenden Kriegshaltung übergingen.
Lebowitz' Erzählung beginnt mit einer eindringlichen Statistik: Zwischen dem Anschlag auf das World Trade Center 1993 und dem Tag, an dem al Qaeda das Pentagon und die vier Flugzeuge 2001 traf, brachte das Justizministerium nur neunundzwanzig Dschihadisten strafrechtlich zur Verantwortung. Die Hälfte dieser Verfahren hing mit dem Anschlag von 1993 zusammen, und zahlreiche andere Großanschläge, etwa die Botschaftsbomben 1998 in Kenia und Tansania, die USS Cole‑Bombardierung 2000 im Jemen sowie der Angriff auf die Khobar‑Towers 1996 in Saudi‑Arabien, führten damals zu keinen Anklagen.
Das Buch argumentiert, dass dieses Defizit nicht nur auf unzureichende Beweise zurückzuführen sei, sondern auch aus institutionellen Hürden resultiere. Mitte der 1990er Jahre errichtete das Justizministerium eine „Wall", die den Informationsaustausch zwischen Strafermittlern und Geheimdiensten einschränkte. Die Maßnahme, die den Schutz der Bürgerrechte zum Ziel hatte, behinderte unbeabsichtigt die Möglichkeit der Staatsanwälte, die fragmentierten Pläne von al Qaeda, die über Kontinente hinweg koordiniert wurden, zusammenzufügen.
Lebowitz, der als Staatsanwalt im inzwischen abgeschafften US‑Militärgerichtssystem tätig war, nutzt seine Insider‑Perspektive, um nachzuzeichnen, wie sich die staatliche Rechtsstrategie nach 9/11 wandelte. Der Wandel umfasste drei miteinander verknüpfte Veränderungen: die Einführung der Bezeichnung „enemy combatant", die Schaffung von Militärgerichten zur Verurteilung mutmaßlicher Terroristen sowie die Ausweitung von außerordentlicher Überstellung und Befragungen in sogenannten „Black Sites", die Lebowitz als Folter bezeichnet.
Im Zentrum von *Second Wave* steht die Geschichte von Saifullah Paracha, einem pakistanischen Unternehmer, der zusammen mit einem jüdischen Partner in Manhattan ein transnationales Import‑Export‑Imperium aufbaute. Parachas Reichtum öffnete ihm die Türen zur militärisch‑nachrichtendienstlichen Elite Pakistans, darunter dem damaligen ISI‑Chef Hamid Gul, und schließlich zur Führung von al Qaeda. Lebowitz schildert Parachas Treffen 2000 mit Osama bin Laden in Afghanistan, ein Treffen, das laut Autor als wohltätiges Unterfangen dargestellt wurde, jedoch stattfand, nachdem bin Laden öffentlich den Krieg gegen die USA erklärt hatte.
Die Lage verschärfte sich, als Khalid Sheikh Mohammed (KSM), der Architekt der 9/11‑Anschläge, das Büro von Paracha für „mysteriöse Treffen" in den Wochen vor den Entführungen nutzte. Verhöre von KSM und anderen al Qaeda‑Operativen deckten Pläne für eine „zweite Welle" von Attacken auf, die konventionelle Sprengstoffe, eine Schmutz‑Bombe oder sogar ein Kernwaffengerät umfassen könnten. Lebowitz vermutet, dass Ermittler das Logistiknetzwerk von Paracha als möglichen Kanal für den Materialtransport in Erwägung zogen, obwohl ein eindeutiger Beweis nie erbracht wurde.
Das Buch verfolgt zudem das Schicksal von Parachas Sohn Uzair, der in die Ermittlungen verwickelt wurde, weil er einem bekannten al Qaeda‑Bekannten, Majid Khan, bei einem Einwanderungsproblem half. Uzairs ausweichende Aussage gegenüber dem FBI 2003 führte zu einer Verurteilung wegen materieller Unterstützung des Terrorismus, einer 30‑jährigen Haftstrafe und einer späteren gerichtlichen Aufhebung 2018, die seine Rückkehr nach Pakistan ermöglichte. Lebowitz stellt Uzairs Fall als warnendes Beispiel dafür dar, wie sich unter dem Rechtsregime nach 9/11 die Grenze zwischen „unschuldigen" Geschäftsbeziehungen und strafrechtlicher Haftbarkeit verwischte.
Saifullah Paracha selbst wurde 2003 in Bangkok nach einer verdeckten Operation gefasst, an der sein amerikanischer Geschäftspartner beteiligt war, ein Detail, das Lebowitz pseudonym hält, weil Teile der Aktion noch geheim sind. Statt eines zivilen Prozesses wurde Paracha als „enemy combatant" eingestuft und verbrachte neunzehn Jahre ohne Anklage in Guantanamo Bay. 2022 ließ ihn die Biden‑Administration schließlich frei, ein Schritt, der in Washington und Ottawa eine Debatte über das Erbe unbefristeter Haft auslöste.
Lebowitz scheut nicht davor zurück, die Mechanismen zu kritisieren, die solch divergente Ergebnisse erzeugten. Er weist auf die internen Kämpfe zwischen FBI und dem Militärgerichtsapparat, die inkonsistente Anwendung von Grundrechten und die Abhängigkeit von erpresster Aussage hin, Beweismaterial, das nach US‑Recht im Allgemeinen unzulässig ist, wenn es durch Folter erlangt wurde. Der Autor argumentiert, dass diese Verfahrensmängel die Glaubwürdigkeit der gesamten Antiterror‑Strategie untergraben haben.
Für amerikanische Leser sind die Enthüllungen des Buches bedeutsam, weil sie die rechtlichen Grundlagen der heutigen Antiterror‑Architektur beleuchten. Der Patriot Act, die Authorization for Use of Military Force (AUMF) und nachfolgende Exekutivbefehle lassen sich alle auf die Entscheidung nach 9/11 zurückführen, den Terrorismus als Krieg und nicht als Verbrechen zu behandeln. Die einstige „Wall", die den Informationsaustausch blockierte, wurde teilweise abgebaut, doch neue Hürden, etwa die Debatten um den „Privacy Shield" beim Datenaustausch mit Technologieunternehmen, prägen weiterhin die Zusammenarbeit der Behörden.
Kanadische Entscheidungsträger stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Die kanadische „Anti‑Terrorism"-Gesetzgebung, die 2001 verabschiedet und nach den Pariser Anschlägen 2015 geändert wurde, spiegelt zahlreiche US‑Bestimmungen wider, darunter die Möglichkeit, Nicht‑Staatsbürger ohne Anklage nach dem Immigration and Refugee Protection Act festzuhalten. Der Paracha‑Fall, der einen pakistanischen Staatsbürger mit Verbindungen zu US‑ und kanadischen Finanzsystemen betraf, unterstreicht die Notwendigkeit grenzüberschreitender Koordination und wirft Fragen zum Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Bürgerrechten in beiden Ländern auf.
Rechtsexperten bemerken, dass die Militärgerichte, nach der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs *Hamdan* 2006 wiederbelebt, weiterhin umstritten sind. Während die Gerichte dazu dienen sollten, Verfahren gegen hochrangige Häftlinge zu beschleunigen, werden sie wegen begrenzter Verfahrensgarantien und der Zulassung von durch harte Verhörmethoden gewonnenen Beweisen kritisiert. Die Tatsache, dass KSMs Prozess wiederholt verschoben wurde und nun für 2028 vorgesehen ist, verdeutlicht die Schwierigkeit, kriegsbedingte Erfordernisse mit verfassungsrechtlichen Garantien in Einklang zu bringen.
Lebowitz' Darstellung wirft zudem Licht auf die breitere strategische Kalkulation, die die US‑Politik leitete. Der Wechsel zu einer Kriegshaltung wurde von Beamten damit begründet, den „Krieg zu gewinnen", indem al Qaeda die rechtlichen Wege verwehrt würden, die sie sonst nutzen könnte. Der Autor behauptet jedoch, dass dieser Ansatz häufig das Bild entschlossener Maßnahmen über die sorgfältige Sammlung zulässiger Informationen stellte, ein Kompromiss, der die langfristige Wirksamkeit beeinträchtigt haben könnte.
In den Jahren seit der Veröffentlichung des Buches hat die USA einen Rückgang groß angelegter al Qaeda‑Attacken verzeichnet, doch das Aufkommen von ISIS und heimischen extremistischen Zellen hat neue Komplexitäten geschaffen. Das nach 9/11 entstandene hybride Modell aus Strafverfolgungs‑ und Militärinstrumenten, das durch die in *Second Wave* beschriebenen Erfahrungen verfeinert wurde, ist zum Standardrahmen für Antiterror‑Operationen geworden und beeinflusst alles von Drohnenangriffen bis zum Umgang mit zurückkehrenden ausländischen Kämpfern nach Nordamerika.
Für Leser in den USA und Kanada lautet die zentrale Erkenntnis, dass die aus den Anschlägen von 2001 hervorgegangenen rechtlichen und institutionellen Reformen nach wie vor unvollkommen sind. Die detaillierte Chronik der Paracha‑Familie, die spärlichen Strafverfahren vor 9/11 und die nachfolgende Abhängigkeit von Militärgerichten fordern die Politik auf, zu prüfen, ob das gegenwärtige Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Rechtsstaatlichkeit wirklich demokratischen Gesellschaften dient.
Während die USA weiterhin mit dem Erbe ihrer Rechtsarchitektur nach 9/11 ringen, liefert Lebowitz' *Second Wave* eine ernüchternde Mahnung: Der Wechsel von Strafgerichten zu Kriegstribunalen war nicht unvermeidlich, sondern das Ergebnis einer Reihe von Entscheidungen unter Druck. Das Verständnis dieser Entscheidungen und ihrer Folgen könnte amerikanischen und kanadischen Führungskräften helfen, eine Antiterror‑Strategie zu entwickeln, die sowohl wirksam als auch dem Rechtsstaat treu bleibt.
