Erstmals seit einem Vierteljahrhundert zeigen mehr Amerikaner laut der neuesten Gallup-Umfrage Sympathie für Palästinenser als für Israelis. Das Ergebnis hat eine Welle von Analysen ausgelöst, doch Experten warnen, dass die Verschiebung nicht auf eine einzelne Ursache zurückgeführt werden kann.
Demografische und säkulare Trends
Der Rückgang der pro‑israelischen Stimmung wird von denselben Gruppen getrieben, die auch das nationale Selbstbewusstsein schwächen: junge Menschen und Demokraten. Gallup berichtet, dass 32 % der Gen‑Z‑Demokraten angeben, wenig oder keinen Stolz darauf zu empfinden, Amerikaner zu sein, ein Rekordtief. Gleichzeitig nimmt der Säkularismus zu. Unter den 18‑ bis 29‑Jährigen nennen sich 36 % heute „keine Religion", womit sie die Katholiken als größte Religionszugehörigkeitsgruppe überholen.
Ein Analyst bemerkt: „Die zionistische Idee eines jüdischen Heimatlandes mag Amerikanern, die von religiösen oder historischen Erzählungen losgelöst sind, quixotisch erscheinen." Der Kommentar verweist auf die nachlassende Resonanz von Israels Unabhängigkeitserklärung von 1948, die ihren Anspruch auf biblischer Geschichte gründet, für eine Generation, die zunehmend von traditionellem Glauben entfernt ist.
Mediennarrative und Informationsökosysteme
Prominente Medienpersönlichkeiten haben sich geäußert. Der ehemalige ABC‑News‑Moderator Terry Moran schrieb in den sozialen Medien, dass Ministerpräsident Benjamin Netanyahu die US‑Unterstützung aushöhlt und dabei von „Massensterben" und „Zerstörung" in Gaza sprach. Moran, der zuvor wegen der Bezeichnung des ehemaligen Präsidenten Donald Trump als „Weltklasse‑Hasser" entlassen wurde, gehört zu mehreren Kommentatoren, deren parteiische Darstellung Kritik hervorgerufen hat.
Der New‑York‑Times‑Kolumnist Nicholas Kristof verknüpfte den Wandel mit Netanyahus Erbe, während Ezra Klein in einem Podcast über „Genozid" im Gazastreifen mit Matt Duss, einem ehemaligen außenpolitischen Berater des Senators Bernie Sanders, diskutierte. Der Wall‑Street‑Journal‑Kolumnist William Galston bot eine gemessenere Sichtweise, indem er den Trend sowohl auf den Gaza‑Krieg als auch auf Netanyahus Führung zurückführte, jedoch die Polemik in Morans Beiträgen oder Duss' Behauptung, der Gaza‑Krieg „komme nicht aus dem Nichts", vermied.
Grenzen der Umfragedaten
Gallups eigene Analyse warnt vor Überinterpretation. Der fünf Prozentpunkte große Sympathie‑Gap zugunsten der Palästinenser ist statistisch nicht signifikant, und die Umfrage schließt Befragte aus, die neutrale oder ausgewogene Ansichten vertreten.
Jenseits der Zahlen spielt das breitere Informationsumfeld eine Rolle. Medien wie das im Besitz Katars Al Jazeera und die türkische TRT World haben kritische Narrative über Israel verstärkt, während US‑Ermittler trotz einer Warnung der Direktorin des Nationalen Geheimdienstes Avril Haines aus dem Jahr 2024 über die iranische Ausnutzung von Protesten gegen den Gaza‑Krieg stillschweigend geblieben sind.
Ein außenpolitischer Wissenschaftler fasste den Konsens zusammen: „Monokausale Erklärungen, sei es von ehemaligen Moderatoren oder Denkfabriken, sollten mit Skepsis betrachtet werden." Die vorherrschende Ansicht ist, dass demografischer Wandel, sich entwickelnde Medienökosysteme und globale Neuordnungen gemeinsam den Erosion der US‑Unterstützung für Israel erklären, nicht ein einzelner Führer oder Konflikt.
